In eigener Sache: Die deutsche Trauerkultur braucht mutige Stimmen

Nach dem Tod unseres Sohnes haben wir in viele verstörte und hilflose Gesichter geschaut. Der Umgang mit uns hat sich gewandelt. Viele wussten nicht wie und womit sie sich melden sollten. Dabei kann man nichts Falsches sagen, nur nichts sagen ist falsch. Aus diesem Grund habe ich einen Artikel verfasst zum Umgang mit verwaisten Eltern. 

Artikel erschienen am 26. Januar 2018 auf Netmoms.com

Link: http://www.netmoms.de/nachrichten/umgang-mit-eltern-deren-kind-verstorben-ist/?utm_source=facebook&utm_medium=social&utm_campaign=facebook-netmoms&fbc=facebook-netmoms&ts=201801231702

Nichts ist schlimmer als Schweigen: Umgang mit Eltern, deren Kind verstorben ist

Der Tod eines Kindes im Freundes und Bekanntenkreis löst Hilflosigkeit und Betroffenheit aus. Viele sind überfordert, wissen nicht wie sie reagieren sollen, was manchmal dazu führt, dass sie gar nicht reagieren. Es gibt aber nichts Falsches, nur nichts zu sagen, ist falsch.

Ein Kind ist tot. Man muss es nicht auch noch totschweigen.

Nicht warten, machen

Es sind immer diese zwei Lager im Bekanntenkreis: die einen, die aktiv helfen und die anderen, die sich in Rückzug üben. Während das Lager der Aktiven anpackt und mit kleinen Gesten Berge versetzt, schicken die anderen ein bis zweimal Nachrichten mit der Bitte, dass man sich doch bitte melden möge, wenn man was braucht. Wer sein Kind verloren hat, ist nicht in der Lage zu sagen, was er braucht. Und das bleibt über Monate hinweg so. Aber wenn nichts hilft, dann helfen Blumen, Schokolade, ein gekochtes Essen, bemalte Kerzen, Trauerbücher oder ein Fotoalbum des verstorbenen Kindes. Kleine Gesten der Aufmunterung helfen, nichts tun verletzt.

Nicht reden, zuhören

Im passiven Lager gibt es dann auch immer die Fraktion derer, die den Schmerz nicht zulassen können. Sie können nicht aushalten, dass ihre Freunde so leiden oder die Vorstellung nicht ertragen, wenn sie ihr eigenes Kind sehen. Hier entstehen dann auch zu Beginn eines Gesprächs Aussagen wie: Es tut uns so leid. Man kann ja nichts dazu sagen. Die folgenden Verlegenheitsgespräche, die dann entstehen schmerzen unendlich. Nein, Trauernde suchen keine Ablenkung, sie interessieren sich nicht für das Wetter, für die Nachrichten oder irgendwas anderes. Sie kreisen nur um sich und ihr Kind. Sie wollen über das Erlebte, den Tod des Kindes, die Ängste sprechen. Man kann nichts aufwühlen, was immer präsent ist.

Nicht ermahnen, zulassen, aushalten

Verwaiste Eltern durchleben immer wieder Phasen der Wut. Man hat ihnen das wichtigste genommen, wie soll das ohne Wut gehen? Es kann zu extremen Reaktionen kommen. Natürlich ist das nicht immer rational, aber so sind Emotionen eben. Schlimm war es zu sehen, dass gerade zuvor eng Vertraute damit nicht umgehen konnten. Sie schauten verstört oder wollten zur Beherrschung ermahnen. Die Gewalt der Gefühle machte ihnen Angst. Aus der Wut nehmen Trauernde ihren Antrieb weiter zu machen. Sie ist eine unbändige Kraft, die ihr Gutes hat.

Nicht schweigen, das Kind beim Namen nennen

Wenn die Phase der Wut überstanden ist, ist der Trauernde wieder einen Schritt weiter und beginnt zu akzeptieren. Er beginnt das Schicksal irgendwie hinzunehmen und ist weniger mit dem warum und wieso beschäftigt als sich aktiv in Erinnerungen zu bewegen. Erinnerungen an die wunderbaren Zeiten mit dem Kind. Durch Fotos und Videos kann er das Kind bei sich halten, immer wieder lebendig erleben. Und das ist alles, was Trauernde wollen: ihr Kind nicht Vergangenheit werden lassen. Fotos, Videos und Geschichten aus der gemeinsamen Zeit helfen das Kind immer wieder lebendig werden zu lassen. Trauernde Eltern werden immer einen Raum suchen, wo sie von ihrem verstorbenen Kind erzählen können. Gebt ihnen diesen Raum, fragt nach Fotos des Kindes, gratuliert zu seinem Geburtstag, hört euch dieselbe Geschichte auch zum hundertsten Mal an. Schaut nicht betroffen zu Boden, wenn der Name fällt.

Nicht von Anteilnahme reden, sondern zeigen

Last but not least: Festtage. Sie sind die Hölle für verwaiste Eltern. Weihnachten, Silvester, Ostern, Geburtstage – an diesen Tagen ist der Verlust ihres Kindes wie am ersten Tag. Was hilft sind freundliche Nachrichten, die zeigen, dass auch die anderen in ihrer Welt das Kind nicht vergessen haben und Anteil nehmen. Es vielleicht am Grab besuchen, den Eltern etwas vor die Tür stellen und wenn es Blumen und Kuchen sind. Zeichen setzen – sie wirken mehr als tausend Worte.