Meine Trauer ist bunt

Wer sagt eigentlich, dass Trauer schwarz ist? Dunkel ist? Nur aus Tränen und Schmerz besteht? Vermutlich jeder, der noch nie trauern musste. Meine Trauer kennt viele Farben und hat zahlreiche Facetten. Sie ist meistens still und leise, sie besteht inzwischen aus Akzeptanz, Fügung und schier endloser Sehnsucht.

Seit Richards Tod verweigere ich mich der dunklen Seite der Trauer. Sie passt so gar nicht zu seiner lebensfrohen Art. Ich will sie einfach nicht sein Vermächtnis berühren lassen. Ich habe zu Lebzeiten nicht vor ihm geweint, die Tränen vor ihm bei seiner Beerdigung zurückgehalten und werde auch jetzt nicht in Tränen aufgehen. Und doch gibt es etwas, dass sie mir entlockt. Manchmal ist das sehr erleichternd. Dann sind es allerdings Freudentränen und Tränen der Dankbarkeit. Wie am ersten Jahrestag seines Todes. Die mitunter unerwarteten und erwarteten lieben Nachrichten und Blumengrüße und lieben Besuche an seinem Grab. Gerührt war ich, dass viele ohne Anstoß an ihn dachten, sich ihm verbunden fühlen und sein keckes Wesen im Herzen tragen. Danke - auch von Motti!


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Wie war der 1. Jahrestag für uns? In gewisser Art und Weise ein Tag wie jeder andere und doch anders. Während die Umwelt aus ihrem Alltag gerissen war und sich punktuell erinnerte, verläuft die Sehnsucht bei uns linear. Sie ist immer allgegenwärtig, nahezu physisch spürbar - so wie er. Immer. Für mich war der Jahrestag bunt. Sein Bettchen war so wunderschön bunt und strahlend. Es hätte ihm gefallen. Etwas für ihn tun können – das ist alles was ich will. Und wie ich es tue, das obliegt meiner Kreativität. Die einen mögen Manches befremdlich finden. Ist mir egal - sie können sich kein Urteil erlauben. Ich gehe unseren Weg – und der ist mit Richard. Es gibt eine Zeit vor seinem Tod und eine nach seinem Tod, aber niemals ein Leben ohne ihn.

Trauer darf alles und muss nichts. So lautet das Fazit nach einem Jahr. Sie kann dunkel und schmerzhaft sein, aber man kann ihr auch Farbe geben. Eigentlich sind es die Verstorbenen, die ihr die Farbe geben. In dem wir uns an ihre Botschaft, ihr Wesen, ihr Sein immer und immer wieder erinnern. Aushalten, dass Erinnerungen auch mitunter schmerzhaft sein können. Nicht vor ihnen flüchten, in dem wir uns scheuen hinzusehen. Wie traurig wäre unser aller Sein, wenn sich nach unserem Tode niemand mehr ein Bild, ein Video oder ein Tonband anhören könnte? Niemand unsere Gedenkstätte besuchen würde? Und wer wären wir, wenn wir unsere Identität von unserer Vergangenheit, von unseren Ahnen entkoppeln würden? Vergangen ist vergangen? Zu leicht gemacht. Den Tod muss man aushalten, annehmen und hinschauen.

Nicht jeder Mensch kann das. Auch so lautet ein Fazit. Manche Menschen halten es einfach nicht aus. Abspaltung nennt die Psychologie dieses Phänomen. Sie müssen sich in das Hier und Jetzt stürzen, Erinnerungen verdrängen oder stark dosieren, Geschichten nicht mehr erzählen, Fotos meiden, ganz einfach weil sie es nicht aushalten. Es ist mir schier unverständlich. Wie gut, dass ich auf viele andere Menschen stoße. Danke!

Erinnerungen sind unser kostbarstes Hab und Gut. Klar – jeder macht ständig Fotos und hält Alles überall fest. Aber haben wir noch die Zeit unsere Erinnerungen auch zu pflegen? Oder konservieren wir alles für ein Später, für das wir dann auch keine Zeit haben? Für Erinnerungen braucht man Zeit und Ruhe. Die besten Bilder sind die, die wir im Geiste tragen und auch die muss man sortieren, verinnerlichen. Anders als Fotos erlauben sie uns zu fühlen. Die gemeinsamen Momente, die Präsenz der Menschen, den Geruch. Wir erinnern uns dann mit allen Sinnen. Unendlich kostbar.